Und plötzlich steht er da….

„Ich habe etwas für dich“, sagt er mit einem, wie mir scheint, hämischen Grinsen. Er steht völlig unerwartet da. Und ich unvorbereitet.

„Oh, äh … nein danke!“ sage ich zögerlich: Ich befürchte, das passt gerade nicht.“ Sein unangekündigter Besuch erfreut mich in etwa so wie der eines Vertreters für Putzmittel an der Haustür. „Sollte ich zu einem anderen Zeitpunkt wiederkommen?“; fragt er höflich. „Das wäre mir recht“, antworte ich erleichtert, aber auch etwas naiv, wie ich merke, da ihm das Lächeln im Gesicht erstarrt: „Das war ein Scherz! Ich mache keine Vorankündigungen oder Termine“.

Er reicht mir, vorsichtig aber bestimmt, etwas, was ich nur langsam identifizieren kann. Es ist leicht und scheint zerbrechlich und fragil zu sein. Es schimmert in zarten Tönen. Ich muss die Augen zusammenkneifen, um es zu erkennen. „Ach du meine Güte“, entfährt es mir: „damit habe ich nun wirklich nicht gerecht!“. Er grinst süffisant.  „Es ist nur eine Möglichkeit“, erklärt er „ein Angebot sozusagen“. Ich bin verunsichert und fasziniert zugleich: „es ist … zu schön, um wahr zu sein … aber … für mich gerade keine Option“. Ich versuche mich der Versuchung zu entziehen. „ich brauche gerade wirklich ni….“. „Ich frage nicht danach, was du brauchst“, fällt er mir barsch ins Wort. Ich zucke erschrocken zusammen und nachdem ich mich etwas gesammelt habe, entgegne ich ihm ruhig: „Ich bin zufrieden damit, so wie es ist“.

„Das ist dein gutes Recht“, meint er und sein Ton ist dabei etwas freundlicher.  Immer wieder wandern meine Augen, wie magisch angezogen, hinüber. Es glitzert verlockend in facettenreichen Farben vor meinen Augen. Könnte  Potential haben groß zu werden. „Wie kann das sein?“, frage ich und: „warum jetzt?“ „Meine Offerten sind zumeist unerwartet“ und nach einer kleinen Pause fügt er hinzu: „die guten ebenso wie die schlechten.“ „Habe ich eine Wahl?“ möchte ich wissen. „In diesem Fall; ja!“, und dann gibt er mir noch zu bedenken, dass seine Besuche, sein Wirken, endlich seien.

Ich möchte ihn nicht verärgern, erinnere mich an alles, was ich ihm bislang schon zu verdanken habe, trotzdem frage ich: „Wie kann ich wissen, dass Du es gut mit mir meinst?“. Er zuckt nur mit den Schultern. „Ich bin keine Wunschmaschine. Auch deine Pläne haben mich noch nie interessiert.  Ich könnte dir jederzeit einen Strich durch deine Rechnungen machen.“, „Das sehe ich!“ erwidere ich trotzig „denn das hier“, ich zeige verächtlich mit dem Finger darauf „würde alles ändern“. „stimmt“, gibt er einsilbig zu. Dann zieht er, als wäre es ein Taschenspielertrick, eine goldene, glänzende Waage aus seiner bunten, wildgemusterten Manteltasche „Um dir deine Entscheidung zu erleichtern“, als könne er meine Gedanken lesen. „Zum Abwägen“. Er legt die anziehende Verlockung in eine der beiden Waagschalen. Hier liegt sie nun, gespeist mit Träumen, Wünschen, Hoffnung. Bilder entstehen vor meinem inneren Auge. Benebeln meine Sinne mit bunten Fantasien, verheißen mir schmerzlich vermeintliches Glück. „Garantien und Versicherungen?“, frage ich „Gibt es nicht!“. „Es könnte also auch schiefgehen? Oder ganz anders werden, als es mir heute erscheint?“ ich werde panisch und heroisch zugleich.

Er nimmt betont lässig einen Zug aus seiner Zigarette „Du wirst es niemals erfahren, wenn du dich dagegen entscheidest. Und wenn du dich dafür entscheidest, wirst du nie wissen, was dir deswegen entgeht. Es besteht immer ein Risiko! So ist das nun mal im Leben“. „Wie gesagt, ich bin zufrieden“ wiederhole ich bestimmt und sehe, wie sich die andere Waagschale füllt. Mit all meinen Argumenten, meiner Ängste und Vorbehalte, meinem Streben nach Sicherheit und Beständigkeit. Mein Kopf liefert mir alle möglichen Begründungen, die in die Waagschale fliesen, während mein Herz verstohlen zur anderen Waagschale schielt. „Ich bin nicht dumm“, entfährt es mir aufständisch, aber auch etwas zu laut, als müsse ich mich selbst zur Vernunft rufen „Ich nötige dich zu nichts. Alles darf bleiben, wie es ist.“, er bläst einen Ring aus Zigarettenqualm in die Luft. Und während der blaue Dunst sich langsam auflöst, triumphgiere ich: „genau so wird es sein! Es wird platzen wie eine Seifenblase“. „Wenn du meinst…“ er drückt seine Zigarette aus und schnipst den zerquetschten Filter fort.

Um meine Worte zu bekräftigen, lege ich noch die Erwartungen und etwaigen Verurteilungen anderer in die Waagschale. Zusammen mit den Enttäuschungen und Schmerzen und dem bitteren Geschmack von Schuld und Scham, die diese Entscheidung mit sich ziehen könnte.

Zu meiner Überraschung scheint die Waage austariert. Selbst dieses Gewicht, die große Last meiner Gedanken, kann das Gleichgewicht nicht beeinflussen. Ich bin irritiert. Versuche zu pokern. Ihn zu überlisten. Vielleicht zieht er doch noch ein Ass aus dem Ärmel. Irgendetwas, was mir meine Entscheidung erleichtert. Einen Blick in die Zukunft vielleicht, ein bisschen Ausblick auf das Was-wäre-wenn. Er lacht nur: „ich überlasse dir die Waage noch etwas. Noch gebe ich dir Bedenkzeit! Und übrigens: es ist dein Leben. Du hast nur eines!

Mit diesen Worten dreht er sich auf dem Absatz um und lässt mich ratlos zurück.

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